Künstlerische Vita und Projekte
Das Jahr 2000:
Im Oktober 2000 ist es soweit: Gerade vor meinem 30. Geburtstag erreiche ich mein Ziel und schließe die Universität ab: Nach fast 10 Jahren in den Welten der Uni erwerbe ich meinen Abschluß: Magister für Spanisch, Lateinamerikanische Literatur und Geschichte sowie Philosophie an der Universität Hamburg. Mein großer Wunsch, wissenschaftlicher Assistent für lateinamerikanische Literatur zu werden, geht aber nicht in Erfüllung. Intensives Brüten, was ich in meinem Leben beruflich machen will, was ich überhaupt will…Versuche als Online-Journalist, Spanisch-Dozent an einer Fernakademie, Literatur-Dozent an Volkshochschulen...aber alles nicht so das Wahre…
Das Jahr 2001:
Da war es erst mal sehr dunkel und ungemütlich in meinem Leben. Eines Tages bekam ich Bücher über Märchen in die Hände: Von Robert Bly: Der Eisenhans, Bücher von Verena Kast und Eugen Drewermann u. a. Sie bringen mir den wertvollen Inhalt der Märchen erst zu Bewusstsein. Früher dachte ich, Märchen wären ‚Kinderkram’. Bald darauf höre ich andere Märchen-Erzähler und bin so begeistert, dass ich weiß, ich will auch Märchen-Erzähler werden!
Das Jahr 2002:
Mein erstes einstudiertes Märchen: In einer geleiteten Gruppe von Menschen, die auf der Suche nach ihrer Lebesn-Visions sind, teile ich verlegen den Wunsch mit, dass ich ja eigentlich gerne, wenn ich dürfte, obwohl das ja vielleicht ungewöhnlich ist, wenn man bedenkt…etc, na nu mal raus mit der Sprache: ...dass ich gerne Märchen-Erzähler werden möchte. Ich erwarte Kopfschütteln, Umstimmen, Unverständnis der anderen. Doch der Leiter sagt nur: Eine schöne Sache! Ab dem nächsten Treffen erzählst du der Gruppe ein Märchen. Punkt, der nächste bitte. Die Herausforderung nehme ich an und stürze mich für das nächste Treffen auf das berühmte Grimmsche Märchen: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Im März 2002 ist es soweit. Bevor ich anfange zu erzählen, glaube ich zu sterben, meine Knie zittern, ich glaube, keinen ordentlichen Satz herauszubringen... Doch mit den ersten Worten ist die ganze Aufregung weg…und es strömt und fließt…und es gefällt mir…und es gefällt den anderen...
Das Jahr 2003:
Gleich darauf bemühe ich mich um eine Ausbildung als Märchen-Erzähler. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich in Deutschland zum Erzähler ausbilden zu lassen. Ich entscheide mich für die Märchen-Erzähl-Ausbildung bei Gudrun Böteführ. Da diese Ausbildung auf dem System der Chakren beruht, gibt es nun 7 äußerst kreative und anregende Wochenenden mit Abschlussprüfung. Ein Jahr intensive Einstudierung verschiedener Märchen; so 'fresse' ich mir ein erstes Repertoire an, um für die vielen Möglichkeiten des Erzählens gewappnet zu sein.
Zusätzlich fange ich 2003 in der Sprech- und Schauspielschule Dieter Bartel eine Abendschule mit Sprech- und Schaupielunterricht an. In Dieter Bartel habe ich das große Glück, einen außergewöhnlichen Sprech-Lehrer zu finden. Mein Spezialgebiet sind natürlich freie erzählte Märchen und Geschichten, aber auch Balladen und Mythos, aber davon später mehr. Die Schule schließe ich 2005 mit dem Sprecher-Diplom ab.
Dann wächst in mir der Wunsch, die Schritte in die Selbständigkeit vorzubereiten. Vorher habe ich nebenbei 30 Stunden die Woche in einem Call-Center geackert. Jan Visser macht erste Erzähler-Fotos von mir und wir erstellen einen ersten Flyer (mit Motiv des Drachenkampfes, nicht ganz unpassend für meine damalige Lebenssituation). Auf einem Erzähler-Treffen in Remscheid höre ich von anderen Kollegen von der Ich-AG und der Künstler-Sozial-Kasse. So gestützt, wage ich im Oktober 2003 den Sprung in die Selbständigkeit. Die erste Märchen-Winter-Saison geht auch ganz gut los; Auftritte in Schulen, Kitas, Einkaufszentren.... Doch dann ist erst mal Flaute! Puh, eine harte Bauchlandung: Märchen-Erzählen scheint nur im Winter, vor Weihnachten gefragt zu sein!!! Also ist Akquise angesagt. Aber wie? Ein paar Seminare bei der Hamburger Existenz-Initiative haben mir da auf die Sprünge geholfen…aber oft immer noch eine unliebsame Tätigkeit.
Das Jahr 2004:
Mit Kindern einer Wilhelmsburger Kita probiere ich meine ersten Sets, die über reines Erzählen hinausgehen und Kinder mit einbeziehen (interaktives Erzählen!). Sei es durch Singen, Bewegen oder Spielen. Die Bücher von Brigitta Schieder sind eine wahre Fundgrube.
Ich suche Kontakt zu anderen professionellen Erzählern in Hamburg. Ich stoße so auf Jörn Uwe Wulf, ein Hamburger Erzähler, der schon lange im Geschäft ist, und kann ihn ein paar Mal interviewen. Und ich treffe auf das Hamburger Märchenforum. In den offenen Erzähl- Runden (Eintritt ein Märchen!) konnte ich viele wertvolle Anregungen der Erzähl-Damen Sigrid Lohalm, Micaela Sauber, Erika Deiters und Gabriele Rau mitnehmen. Eine erste Feuertaufe fürs Erzählen ist die Teilnahme an der Langen Nacht Märchen Hamburg. Toll, im Jahr davor war ich noch Gast, im Jahr darauf darf ich dort schon –als Nachwuchs-Erzähler- miterzählen, zusammen mit den renommierten Erzählern…Eine zweite Feuertaufe ist die Lange Märchennacht im Park in Oldenburg. Unvergesslich, dass dort an einem lauen Sommerabend im Abend nicht nur ein Sofa stand, sondern es kommen aus allen Ecken und Winkeln der Stadt auch noch 200 und sogar meist jüngere Menschen, um den 5 Erzählern lauschen. Beeindruckend, ich bin völlig in Bann gezogen durch den 'Raum', den eine Erzählgemeinschaft öffnen kann. So etwas will ich dann ich auch nach Hamburg bringen…
Im Sommer 2004 bin ich erstmals Märchen-Erzähler auf den unicorncamps im Wendland. Auf dem Camp kann man workshops zu den Kreistänzen des Universellen Friedens machen. 10 Tage in der Natur, Campen, Leben und Kochen und Essen und Plaudern in großen Zeltkreisen mit eigenen Feuerstellen…ein Traum. Gibt es schon seit 1997 in Deutschland, initiiert von Raaja Fischer (www.unicorncamps.de). Auch in den beiden folgenden Jahren bin ich dort der Märchen-Erzähler.
Bunte Stiefel, gelbe Friesennerzhose, Finkenwerder Fischerhemd, Mütze und Halstuch: in voller Verkleidemontur geht mein erstes interaktives Erzählstück, in Richtung Solo-Erzähl-Theater, an den Start. Vielleicht weil ich ja eh an der Küste aufgewachsen bin, ist es: Vom Fischer und syner Frau. Das Stück gebe ich dann im November 2004 auf den Märchenschiffen an der Binnenalster. Jeden Donnerstag, sieben Mal…Anstrengend, aber toll. Danach gab es erst mal ein Fischbrötchen zur Stärkung! Ein bezaubernder Schnappschnuß ist immer noch das Foto auf meiner Webseite für die Kitas&Co.–Programme.
2004 startet Heike Grunewald mit den Hamburger Märchentagen. Wie Berlin hat jetzt auch Hamburg seine Märchen-Tage. Sie werden gut angenommen und sind seitdem fester Bestandteil der Hamburger Märchenszene. Viele Märchen werden vorgelesen, oft von Prominenten, aber auch die 'freien' Erzähler sind vertreten. Zu den ersten Märchentagen führe auch ich mehrere Veranstaltungen, besonders in Wilhelmsburg, u.a. im Haus der Jugend, durch.
Das Jahr 2005:
Die Odyssee von Homer habe ich immer geliebt, oft in Literaturkursen an der Volkshochschule behandelt. In der Sprech-Ausbildung bei Dieter Bartel habe ich Freie Rezitation kennen- und lieben gelernt. Durch einen glücklichen Zufall lerne ich über Frau von Rheden, Programmkoordinatorin des Logensaals der Hamburger Kammerspiele, Benjamin Soyka kennen, seines Zeichens Musiker und Schauspieler. Wir finden uns schnell und kombinieren Rezitation und improvisierte Cello-Musik. Ergebnis ist das erste Programm zur Odyssee: Die Rückkehr des Odysseus von Troja nach Ithaka. Premiere haben wir vor 12 Zuhörern im April 2005 im Logensaal der Hamburger Kammerspiele. Nicht gerade überschwänglicher Besuch, aber zumindest genießen sie den Abend…
Für den Frühjahrs-Kongreß der Europäischen Märchen-Gesellschaft habe ich mit der Erzähl-Kollegin Micaela Sauber (sie erzählt schon seit 20 Jahren als Profi!) Die He-lücht-Barkassen-Tour konzipiert und durchgeführt. Wir mengen Fakten und Legenden, Märchen und Literatur zusammen und spinnen ein bisschen Seemannsgarn dazu. Die Drehorgel und Fritzi, der kleine Hund, der Micaela meistens beim Erzählen begleitet, sind auch noch mit an Bord. Und wenn es zu bunt wurde mit den Lügen, haben die Leute einfach nach guter Hamburger Barkassen-Gast-Tradition: He (oder se) lücht gerufen!
Märchen-Erzähl-Experimental-Land betrete ich zum ersten Mal mit dem Hamburger Chor Choralle. Wir haben Märchen und Chor, Erzählung und Stimmen und Klänge kunstvoll verwoben. So wird der raue Grimmsche Bärenhäuter ein bisschen gezähmt…beim Publikum kommt es sehr gut an.
August 2005 werde ich als Erzähler zum Japan-Fest im Hamburger Museum für Völkerkunde eingeladen. So lege ich mir meinen ersten Kimono zu, um gemeinsam mit Holger Vanselow ein Programm mit Japanischen Märchen und Shakuhachi-Flöte zu geben. Ich liebe diese oft rauen, und doch so zarten und berührenden Töne…
Im Rahmen der Erzähl-Nächte in der Hamburger St.-Petri-Kirche hebe ich ein Spirituelles Märchen-Programm aus der Taufe. Zusammen mit Cello-Begleitung von Ben Soyka. Besonders faszinierend ist die Erzähl-Cello-Verwebung zum Grimmschen Märchen Mädchen ohne Hände.
Weiter geht es mit musikalischen Programmen im Oktober 2005. Dies Mal wieder Klassische Rezitation und zwar deutsche Balladen von Goethe, Schiller, Novalis und anderen. Balladen!Gitarre!Hören. Dazwischen spielt die Gitarristin Anna Kelsch auf der klassischen Gitarre internationale Gitarrenstücke. Premiere ist in der Heiligen-Geist-Kirche Wohltorf.
Noch was Neues mit Musik gibt es im November 2005: Lieder und Märchen für Herz und Seele. Ich habe das Glück, gemeinsam mit der Chorleiterin Carola Vogtsberger aus Hildesheim eine neue Veranstaltung aus der Taufe zu heben. Carola leitet einfache, aber wunderschöne Lieder aus afrikanischer, jüdischer und orientalischer Tradition zum Mitsingen an. Dazwischen machen wir es uns bequem und ich erzähle starke Märchen aus diesen Kulturen.
Kein Wunder, dass nach Lektüre von Robert Bly und diversen Männer-Gruppen mal ein reines Männer-Märchen-Programm folgen würde… Es richtet sich an der Archetypen-Lehre aus. Der Mann als König, Krieger, Magier und Liebhaber. Aber wie sieht dieser Kampf, Regieren, Verwandlung und die Liebe aus? Überlieferte Märchen und Geschichten aus aller Welt geben vielfältige und tiefgehende Antworten. Tomas Wasziliczak spielt dazwischen auf der Gitarre selbstkomponierte Stücke.
Das Jahr 2006:
2006 entdecke ich türkische Märchen. Inspiriert durch den Stadtteil, im dem ich lebe, Wilhelmsburg, in dem sehr viele türkische Menschen leben und den Büchern von Elsa Sophia von Kamphoevener. Ich werde auch das erste Mal ins Fernsehen eingeladen: Zu Bedo und den Orientalischen Nächten auf Hamburg 1. Zwischen Video-clips und Interview erzähle ich Geschichten von Nasreddin Hodscha in die Kamera.
Die Sommermonate waren bis dato nicht so Märchen-Erzähl-Hochzeit. Aber zur Fußball-WM in Deutschland 2006 soll sich das ändern. Schließlich sind Fußball und Märchen auch sehr verwandt. Es gilt, gut zusammen zu halten, den Abwehr-Drachen zu überwinden und als Belohnung gibt es zwar keine Prinzessin, aber ein Pokal ist doch auch was! Und das Deutschland 1954 erstmalig Fußball-Weltmeister wurde, kam uns ja fast wie ein Märchen vor: Den Riesen Ungarn zu besiegen, fast unglaublich, aber wahr! Apropos 1954: Als ich das erste Mal längere Ausschnitte aus der Original-Radio-Reportage des Endspiels zwischen Deutschland und Ungarn von Herbert Zimmermann höre, stelle ich mir sofort vor, dass ich das auch zum Besten geben kann…Bei meiner nun folgenden Recherche stoße ich auf andere Original-Reportagen wie zum Beispiel das Endspiel im Wembley-Stadion 1966 oder den legendären Edi Finger, der die Schmach von Cordoba 1978 beschriee oder auf argentinisch Maradonas Alleingang zum 2:0 gegen England 1982 („...la pelota para Diego…“). So kann ich doch noch etwas von meinem Spanisch-Studium anwenden… So erzähle ich meinem erprobten Cellisten- und Schauspieler-Kollegen Ben Soyka von der Idee. Nach einigen Warmlaufphasen haben wir ein kompletten szenisch-musikalischen Abend aus dem Boden gestampf. Der Stoff wurde immer umfangreicher, auch die Ursprünge des Fußballs sind faszinierend und natürlich spielen Frauen auch Fußball! So lautet das komplette Programm:
I werd´ narrisch! Die Highlights der Fußball-Weltmeisterschaften 1954 bis heute. Inkl. Fußball in alten Kulturen und eine kurze Geschichte des deutschen Frauen-Fußballs. Reportagen, Anekdoten, Songs. Ein szenisch-musikalisches Programm.
Das Stück haben wir für das Museum für Völkerkunde Hamburg ausgearbeitet. Auch wenn die Zuschauer-Zahlen nicht erquickend sind, spielen wir zum ersten Mal vor großem Firmen-Publikum wie der Hamburg-Mannheimer, KPMG oder dpa. Die Fankurve im Museum ist gerammelt voll und die Stimmung kocht bei der La-ola-Welle über… Und wieder Fernseh-Auftritte. Morgens um 5.40 Uhr bei Hamburg 1 im Frühstücksfernsehen mischen wir das Studio auf mit den wilden argentinischen goooooool!-Schreieren und dem Klassiker: Fußball ist unser Leben! Das Fußballstück erbringt uns erste Auswärts-Gastspiele wie Buxtehude oder auch Bad Harzburg. Und die erste Rezension in der Goslarschen Zeitung! Meine erste Rezension überhaupt!. Mit der Schlagzeile: Da würde sogar Pelé staunen!
Am 1. und 2. Juli 2006 habe ich das Glück und die Ehre, auf dem größten deutschen Märchen-Erzähl-Festival (in Neukirchen/Vluyn bei Duisburg) dabei zu sein. Ich bin einer von 16 ErzählerInnen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, die im Wettbewerb miteinander um die Erzählkrone ringen. Ich habe 6 Erzähl-Programme ausgewählt und vorgestellt. Auch wenn ich nicht unter die vordersten Plätze komme, bereitet es mir große Freude und ich lerne viel von den Erzähl-Hasen und -Häsinnen. Fast 5.000 kleine und große Besucher sind begeistert von diesem nun jährlichen Ereignis. Der Beweis ist erbracht: Auch Märchen-Erzähler können große Besucherscharen anziehen.
August 2006 feiere ich noch eine Premiere: Flieg kleine Möwe, flieeeg! Das ist ein Solo-Erzähl-Theater-Stück nach dem bezaubernden Roman von Luis Sepulveda: Wie der Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte (Fischer TB). Ich habe zu dem Buch eine Erzählfassung erstellt und mir von Mirta Navas (eine Mal-Künstlerin aus Hamburg) ein Bühnenbild malen lassen! Die Premiere findet in der Rollschuhbahn von Planten&Blomen statt. Die erste Aufführung ist noch dünn besucht, doch in der Nachmittagsaufführung spiele ich vor 200 kleinen und großen Zuhörern, die Kinder vorne um mich und mein kleines Bühnenbild herum. Ein tolles Erlebnis. Ich liebe dieses Stück sehr und freue mich immer, wenn ich es geben kann (mittlerweile auch bei dem Seiteneinsteiger-Festival und den Rahlstedter Kulturwochen).
Mit dem türkischen-deutschen Fernsehmoderator Bedo und dem afrikanischen Erzähl-haudegen Olajide Akinsoyoye (fast 70 Jahre, aber fit wie ein Turnschuh) führen wir das 1. Interkulturelle Märchen-Erzähl-Fest in Wilhelmsburg durchgeführt. Dank dem Beirat Wilhelmsburg, dessen Mitglied ich seit 2004 bin, für die finanzielle und ideelle Unterstützung. Leider regnet es und wir können nicht im Park erzählen wie ich es damals in Oldenburg erlebte. Aber Dank der freundlichen Unterstützung von Uli Gomolzik können wir ins HdJ ausweichen.
Ein weiterer Highlight des Sommers 2006 ist es, zusammen mit der Erzähl-Kollegin Micaela Sauber in Micaelas Märchenzelt im Stadtpark Märchen zu erzählen. An vier Wochenenden haben wir über 1000 begeisterte kleine und große Märchen-Zuhörer. Ich gehe mit meiner Trommel um den großen Badeteich und trommele die Leute rauf auf die Wiese ins Zelt…damit keine Verwechselungen mit dem Rattenfänger von Hameln entstehen: alle sind gut angekommen und wieder zurückgekommen!
Essen und Geschichten-Hören bzw. Erzählen passte schon immer gut zusammen. Im November 2006 gebe ich mein 1. Märchen-Menü im Balutschi! Zwischen den 4 Gängen des Menüs aus der pakistanischen Moghul-Küche erzähle ich tolle Märchen und Geschichten aus dem Punjab erzählt. Mal aus indischer, mal aus jüdischer oder aus islamischer Tradition. Der Raum ist orientalisch gemütlich mit Teppichen, Kissen und Lampen ausgeschmückt. Viele genießen es, beim Essen und Hören gemütlich auf dem Boden zu sitzen.
In meiner Ausbildung habe ich nicht nur Märchen-Erzählen oder Deuten gelernt, sondern wir spielen die Märchen auch immer. Daraus entwickelt sich die Lust, auch mit Kindern Märchen zu spielen und aufzuführen. Zu den Wilhelmsburger Lesetagen 2006 habe ich erstmals Märchen-Spiele mit Kindern einstudiert. Mit einer Klasse der Schule Stübenhofer Weg bringen wir die kleine orientalische Geschichte von Nasreddin Hodscha und dem gestohlenen Esel auf die große Bühne des Bürgerhauses. Das freche italienische Märchen Der verhexte Ring übe ich mit Schülern der Willi-Kraft-Schule ein. In der Schule wird es mit großem Erfolg aufgeführt. Allerdings brachten uns die Proben mit den Mädels oft an den Rand des Nervenzusammenbruchs…
Das Jahr 2007:
Mit Uli Gomolzik, dem Leiter des Wilhelmsburger Hauses der Jugend, arbeite ich schon seit Beginn meiner Selbständigkeit zusammen. Öfter haben wir dort Erzähl-Veranstaltungen zum Beispiel im Rahmen der Hamburger Märchen-Tage gemacht. In 2007 führen wir dank der finanziellen Unterstützung des Bürgerstiftung Hamburg ein Erzähl-Projekt durch. Monatlich werden Schülern von umliegenden Schulen Märchen frei erzählt. Olaf Steinl übernimmt das Coaching für die ehrenamtlichen Erzähler.
Kundalini-Yoga gehört schon seit vielen Jahren zu meinem Gesundheits- und Entspannungsprogramm. Da in meiner märchen-therapeutischen Ausbildung bei Gudrun Böteführ die Märchen auf Basis des indischen Chakrensystems durchleuchtet werden, kommt mir die Idee, Yoga und Märchen zu verbinden. Seit März 2007 kombiniere ich Märchen-Erzählung und –deutung mit Kundalini-Yoga. Der Abend fängt mit Yoga-Übungen speziell für die einzelnen Chakren an. Nach der Tiefenentspannung erzähle ich ein Märchen, das dann auf Basis des Chakrensystems gemeinsam besprochen wird. Jedes der 7 Chakren- vereinfacht sind das feinstoffliche Energiezentren des menschlichen Körpers- hat ein Hauptthema, das sich auch in den Märchen wieder finden lässt. Mir bereitet es große Freude, gemeinsam die Tiefe der Märchen bewusster zu machen. Die Abende habe ich seither öfter im Yoga-Zentrum Devah auf St. Pauli wiederholt.
Der 1. Mai 2007 ist ein Feiertag und sehr heiß (vielleicht der heißeste Tag 2007…) und Premieren-Tag für meinen ersten Indischen Märchentag. Wieder in einem Yoga-Zentrum diesmal dem Ardas in Altona.
Und mit Benjamin Soyka -mittlerweile auch Ben Solo con Cello- gibt es die Premiere eines zweiten abendfüllenden Programms zur Odyssee: Die Abenteuer des Odysseus. Also jetzt gibt es Original-Erzählungen von der Blendung des Polyphem, von Kirke, die seine Männer in Schweine verwandelte, oder die Fahrt an den Sirenen vorbei…Meine so geliebte violette Trainingsjacke hat als Kostüm ausgedient: Dieses Mal sind wir richtig griechisch-modern gekleidet! Dank der netten Unterstützung einer befreundeten Schneiderin. Die parts zwischen den von mir weiterhin frei rezitierten Passagen hat Kollege Ben meisterlich in eigene Verse gepackt; ein schöner Kontrast zwischen der ’hohen’ Sprache der Odyssee und den blinzend-burlesken Versen des Sprachdrechlers aus der Marktstraße…
Im Rahmen des Kulturfonds der Lebenswerten Stadt konnte ein ganzheitliches Konzept erstmals kompakt an den Start gehen: mmm macht mobil! märchen, movement und meditation. Der Untertitel lautet (nach reiflichem Brüten entstanden): Ein Aktionsprogramm zur Förderung von emotionaler Kompetenz, Körperfitness und Konzentrationsfähigkeit für Schüler und Jugendliche. Dahinter verbergen sich Märchen-Erzählungen aus vielen Kulturen der Welt, zum Beispiel aus China, Indien, Afrika etc., die jeweils mit Bewegungs- und Meditationstechniken aus den einzelnen Kulturen ergänzt werden, wie etwa Qi-Gong, Kinder-Yoga oder afrikanischer Tanz. Alles Sachen, die ich selber praktiziere oder praktiziert habe…Mittlerweile gibt es auch einen Flyer.
Highlight des Sommers 2007 ist ohne Zweifel das 1. Wilhelmsburger Märchen-Fest. Das Fest war eines der geförderten Kunst-und-Kultur-Projekte des IBA-Kultursommers, mit freundlicher Unterstützung des Beirates Wilhelmsburg. Der Park beim Bunker wurde in einen Märchen-Park verwandelt. Mit Zelten, Tippi, Sinti-Wagen, Mal-Truck u.v.m. Die Hamburger Märchen-Erzähler Micaela Sauber, Olajide Akinsoyoye, Gerd Brandt und Olaf Steinl erzählen an zwei Tagen –Dank an den gnädigen Wettergott- 800 Menschen die tollsten Märchen aus aller Welt, alles natürlich frei erzählt. Mal im Märchenzelt, mal im Zirkuszelt, im Tippi oder vor dem Sinti-Wagen.
Im November 2007 feiere ich Premiere mit Türkischen Märchen- und Musik-Programmen. Im Rahmen der 4. Hamburger Märchentage probe ich ein Programm mit dem türkischen Musiker Sadi Ada. Vor, zwischen und während der Märchen spielt er auf der Saz, der Urd , E-Gitarre oder Trommel. Mit den Mädchen der Traditionellen Tanzgruppe des Türkischen Elternbundes Wilhelmsburg kombinieren wir Märchen und Tanz. Beide Veranstaltungen sind beim Publikum sehr gut angekommen. Und auch in türkischen Zeitungen besprochen!
Ein weiteres neues Programm ist dem Heiligen Nikolaus von Myra gewidmet. Ich wußte nie, wer der Nikolaus eigentlich war. Durch einen Zeitungsartikel bin ich auf interessante Geschichten und Legenden gestoßen. Ich bin sehr beeindruckt von den Legenden, die über diesen Heiligen erzählt werden. So bastele ich ein Erzähl-Programm dazu. In den Strümpfen und Stiefeln stecken bei mir dann keine Süßigkeiten, sondern Geschichten…und eine Rute gibt es auch nicht!
Und zu guter letzt mache ich noch einen ersten Ausflug in das Erzählen mit Handpuppen. Elsa Moser hat mir mit ihrem großem Talent eine Troll-Puppe gebastelt. Mit dem schon 1001-jährigen Troll Zolli-Wolli erzähle ich seit dem die traurige Geschichte, warum es mit seiner Heirat mit der jungen Brigid Runey nicht klappte…
Das Jahr 2008:
So jetzt ist es schon 2008. Mal gucken, was dieses Jahr rauskommt…es fängt überraschend mit einer technischen Ausstattung an: Ich besorge mir einen beamer, Leinwand und laptop. So fange ich an, Märchen und Mythen multimedial zu erzählen. Auf der Leinwand sind zum Beispiel Bilder aus der indischen Mythologie zu sehen und dazu erzähle ich die Mythen von Shiva, dem Gott der Yogis und andere indische Mythen. In der kompletten Version chanten wir auch noch zusammen mit Markus Asano indische Mantren. Dasselbe VErfahren wenden wir an für die Geschichten von Guru Nanak und den 10 Heiligen des Sikh-Dharma. Allerdings stelle ich diese technische Zusatzausstattung bald ein, da es zu aufwändig ist, immer so ein equipment dabei zu haben und unser Publikum doch sehr bescheiden bleibt...Aber weiter geht es dann mit dem Grimmschen Märchen Der Eisenhans. Dieses famose Grimmsche Märchen war schon sehr wichtig für meinen Weg zum Erzähler. Jetzt wird die Erzählung zum interaktiven Märchen-Erzählen ausgebaut: Eine Leinwand mit der Zeichnung eines Schulkindes im Hintergrund, Trommel, Kopf-Kissen samt dem Schlüssel zum Käfig des Eisenhans´, der goldene Ball, die Blumen für die Königstochter...diese besonderen Gegenständen werden in die Erzählung mit einbezogen. Das zweit interaktive Märchen ist Hans im Glück. Für dieses Märchen schlüpfe ich in die Figur des Hans Imglück, der gerade von seinem Herrn einen Goldklumpen für sieben Jahre guter Arbeit bekommen hat. Und weil er so stolz ist, hat er sich mit Dornröschen, Schnewittchen und Rumpelstilzschen (ja, sein abgerissenes Bein ist wider angewachsen ;-) verabredet, um ihnen von den sieben Jahren zu erzählen. Aber niemand ist gekommen. Ja, und dann mache ich mich als Hans Imglück auf den Weg nach Hause. Und was da alles passiert, könnt ihr nachlesen, oder mit mir gemeinsam hautnah erleben! Vom Tausch Goldklumpen gegen Pferd, das Pferd gegen die Kuh undsoweiter...
Für die Weihnachtszeit entdecke ich die skandinavische Weihnachtsmärchen, die seitdem fest in meinem Repertoire sind. Das berühmte Märchen von der Zottelhaube spielt ja auch in den Jultagen. Die Mühle, die auf dem Meeresgrund mahlte handelt ja auch von Weihnachtsbraten und -nöten. Und ganz besonders das schwedische Weihnachtsmärchen von dem kranken Mädchen, das so fest an das Christkind glaubt, dass es ihr den Doktor (mit seiner Kräutermedizin!) bringt. Tja, das Christkind kann auch noch anderes als 'nur' die Geschenke vorbeibringen. Am schönsten ist aber die hiesige Rehprinzessin: Ein Mädchen wird von der bösen Stiefmutter in ein Reh verwandelt. Am zweiten Weihnachtstag kann sie immer für eine kurze Zeit menschliche Gestalt annehmen und so der treuen Dienerin erzählen, wie sie von ihrem mutigen Prinz erlöst werden kann.
Das Jahr 2009:
Die herausragenden neuen Erzählstoffe für 2009 sind schnell erzählt. Zum einen ist es ein Buch mit der Einweihungsgeschichte eines indianischen Jungen. Little Ed und seine Reise zu den Tieren der Kraft. Dieses Buch wurde von Stephen Eligio Gallegos geschrieben, einen noch lebenden Autoren aus indianischer Tradition. Es beschreibt die Lehrzeit eines Jungen bei einem indianischen Schnitzmeister. Er fühlt sich zum Schnitzen berufen und kann bei einam alten Meister die Kunst des Totempfahlschnitzens erlernen. Dazu ist es aber unverzichtbar, dass er selber seine eigene inneren Krafttiere entdeckt. Es ist ein trauriges, aber auch sehr ermutigendes Buch über Freud und Leid der eigenen Berufung. Der Autor hat mir persönlich die Bevollmächtigung gegeben, diese Geschichte zu erzählen. Das heißt, ich lese nicht aus dem Buch vor, sondern ich habe eine Erzählfassung erstellt. Zur Erzählung singe ich mit den Kindern noch indianische Lieder.
In eine ähnliche Richtung geht das Buch Whalerider von Witi Ihimaera. Es erzählt die Einweihungsgeschichte eines Maori-Mädchen als neue Verbündete der Wale. Dieses Buch wurde auch verfilmt und hat mich zu Tränen gerührt. Ich konnte nicht anders, als auch zu diesem Buch eine Erzählfassung zu erstellen, die auch vom Autor aus Neuseeland autorisiert ist.
Das Jahr 2010:
Im März 2010 mache ich eine Reise nach Mallorca. Ich habe schon immer Lust gehabt, diese sonst als Touristen-Insel verschriene Insel kennenzulernen. Und als ich noch entdeckte, dass es wunderbare mallorquinische Märchensammlungen gibt, stelle ich Kontakte zu deutschen Schulen auf Mallorca her und erzähle dort mallorquinische Märchen. Die Erzählungen werden mit großer Verwunderung zu Zuhörfreude aufgenommen. Projekte aber, die Erzählungen und Wanderungen verbinden, bekomme ich nicht auf die Füße.
Dafür fange ich an, den Parzival zu erzählen. Ich stütze mich auf die Fassung von Chretien des Troyes. Diese faszierende Geschichte erzähle ich öfter im Teehaus in der Grindelallee.
Die neuesten Projekte vertiefen sich dann wieder in der Welt der Mythen. So erstelle ich eine Erzählfassung des Popol Vuh, des berühmten Mythos der Maya. 2012 rückt näher. Diese Geschichte erzählt schon lange davon, wie die beiden Heldenzwillinge Hunahpu-Sonnenjungen und Ixbalanque-Mondmädchen die Herren der Unterwelt im Ballspiel besiegen und so das neue Zeitalter einläuten. Zusätzlich beschäftige ich mich viel mit dem Maya-Kalender. Mit dem 21.12.2012 endet nicht die Welt wie so oft geunkt wird, sondern es beginnt ein neues, wieder ein goldenes Zeitalter.
Das Jahr 2011
Zurück zu den Wurzeln geht es dann mit den Germanischen Mythen der Edda. Dieses Programm erzählt die wichtigsten Mythen der alten Germanen, von ihren Göttern wie Odin, Thor und der Lichtgestalt Baldur. Der Gegenspieler Loki erzwingt die Ragnarök, die Götterdämmerung. Aber es führt nicht in den Untergang, sondern zum Aufstieg einer neuen, gesunden Welt (ähnlich wie schon im Popol Vuh!):
Das seh´ ich auftauchen zum andernmale
Aus dem Wasser die Erde und wieder grünen.
Die Fluten fallen, darüber fliegt der Aar,
Der auf dem Felsen nach Fischen weidet.
Die Asen einen sich auf dem Idafelde
Über den Weltumspanner zu sprechen, den großen.
Uralter Sprüche sind sie da eingedenk,
Von Fimbultyr gefundener Runen.
(Aus: Der Seherin Weissagung. Übers. von Karl Simrock)
Eine Besonderheit dieses Erzählprogrammes ist es, dass ich den ersten Gesang der Edda frei rezitiere, dh. nicht vorlese oder zusammenfasse. Der Stabreim ist eine faszinierende Erzählweise, die einem -und auch dem Publikum- das Blut kräftig durchpulsen lässt.
Ab 2010 beginne ich auch mit der Waldorfklassenlehrer-Ausbildung. Die Erarbeitung von Erzählprogrammen tritt in den Hintergrund. Ich glaube auch, dass ich in den letzten 7 (!) Jahren genug Erzählstoffe gesammelt habe. Ob ich ab August 2012 noch Erzählprofi oder schon Lehrer bin, ist heute noch offen.
Alles Gute, märchenhafte Grüße, Olaf (Stand: November 2011)