Ein Service für Lehrer: Märchendeutung und kommentierte Literaturliste
Die sieben Stufen der Entwicklung des Menschen im Märchen
1. Stufe: Urvertrauen
Der Ursprung der Lebensgeschichte wird erzählt. Wie ist der Ausgangspunkt? Wie fing alles an? Ist das Leben bedroht, setzt sich der Märchenheld/in dafür ein. Hat es auf den ersten Blick alles zu bieten, soll das zur Ganzheit fehlende integriert werden. Er/sie hat großes Urvertrauen in den Weg des menschlichen Lebens.
2. Stufe: Lebensfluß
Das Leben ist ständige Bewegung. Not und Mangel treiben Märchenheld/in voran. Sie machen sich auf den Weg, finden Nahrung, Helfer und Aufgaben. Hierbei ist die Kommunikationsform entscheidend.
3. Stufe: Wille und Macht:
Worauf ich meinen Willen richte, das werde ich erschaffen. Will ich geben, wird mir gegeben. Was kann ich geben? Worauf richte ich meinen Willen? Berücksichtigen meine Ziele meine Herzenswünsche? Die Motivation entscheidet über Gelingen oder Verderben.
4. Stufe: Bedingungslose Liebe
Liebe ist die Kraftquelle des Lebens. Der Schlüssel zum Glück ist Liebe, ohne etwas dafür zu erwarten. Jeder Mensch sehnt sich, in Liebe zu leben. Negative Emotionen werden überwunden, indem ich mich auf die Liebe konzentriere. Im Märchen kommt es an dieser Stelle meist zum Kampf gegen Ungeheuer, Drachen, Hexen…
5. Stufe: Wahrheit
In Wahrheit leben ist Ausdruck gelungenen Lebens. Ich lebe in der Wahrheit, mir und anderen gegenüber. In der bewußten Entwicklung kommt die Wahrheit des eigenen Wesens ans Licht. Die innere Einstellung zeigt sich immer im Außen. Im Märchen kommt in dieser Stufe die Wahrheit 'heraus' oder die Helden machen hier oft eine Verwandlung durch.
6. Stufe: Die Einsicht
Die Erkenntnis des Guten und des Bösen, alles gehört zusammen, sind 2 Seiten einer Medaillie. Dem Märchenhelden gehen die Augen auf. Die Erkenntnis wird bewußt. Das Männliche oder der Geist, z. B. der Prinz, erkennt das Weibliche, die Seele, z. B. die schlafende Prinzessin.
7. Stufe: Die Einheit
Die Gegensätze verschmelzen. Männliches, ‚Denken oder Kopf’ und Weibliches, ‚Gefühle oder Herz’ kommen zusammen, im Märchen symbolisch im Bild der Hochzeit.
(Zusammengefasst und ergänzt von Olaf Steinl, nach Gudrun Böteführ, Ausbildung zum Märchen-Erzähler und Märchen-Deuter)
Kleine kommentierte Literaturliste
Praktisch-kreativ für den Unterricht:
Brigitta Schieder: Märchen machen Mut. Ein Werkbuch zur Werteerziehung und Persönlichkeitsentfaltung von Kindern. Don Bosco Verlag (Ein gutes Buch mit vielen kreativen, spielerischen und gestalterischen Anleitungen für die Rahmung des Märchen-Erzählens. Für 1. bis 4. Klasse)
Michaela Ulich/Pamela Oberhuemer (Hrsg.): Es war einmal, es war keinmal... Beltz-Verlag. Ein multikulturelles Lese- und Arbeitsbuch mit Märchen in verschiedenen Originalsprachen wie türkisch, spanisch, portugiesisch, italienisch, griechisch, serbisch, slowenisch und kroatisch).
Horst Schwarz: Märchen zum Mitmachen (Klassiker-Märchen aus aller Welt hsp. für Vorschule und 1.-2. Klasse, mit vielen Liedpassagen).
Winfried Kaminski: Spiele mit Märchen. Gruppen- und Brettspiele für Kinder. Grünewald-Verlag. Klassische Grimmsche Märchen mit Märchen-Spielen, -memory, -rallye und ähnlichen Spielen.
Studie über Langzeitprojekt:
Kristin Wardetzky/Christiane Weigel: Sprachlos? Schneider Verlag Hohengehren. (Eine Studie zum Erzählen im interkulturellen Konext anhand von Erfahrungen aus einer Berliner Grundschule).
Fürs praktische Erzählen:
Christel Oehlmann: Einfach erzählen! Junfermann-Verlag. (Das Grundlagenbuch zum Selbst- und Gruppenstudium fürs Märchen-Erzählen)
Interpretationen von Märchen:
Winfried Freund: Deutsche Märchen. UTB: W. Fink Verlag. (Solide, literaturwissenschaftliche Interpretationen vieler klassischer deutscher Märchen-Sammlungen).
Stefan Neuhaus: Märchen. UTB-Verlag. Gute Übersicht über Märchen aus 1001 Nacht, europäischen Sammlungen bis C. Funke.
Marie Louise von Franz: Der Schatten und das Böse im Märchen. (Tiefenpychologische Deutung von Märchen nach der Archetypen-Lehre von C. G. Jung).
Oskar Ruf: Die esoterische Bedeutung des Märchens. (Interpretation hsp. des Grimmschen Märchens Der Teufel mit den drei goldenen Haaren anhand esoterischen Wissens).
Verena Kast: Märchen vom gelingenden Leben. (Sehr gut verständliche Interpretationen verschiedener Märchen. V. Kast hat viele Bücher zu Märchen geschrieben, ein jedes von ihr ist empfehlenswert).
Eugen Drewermann: Rapunzel, Rapunzel lass dein Haar herunter. (Eines der vielen Werke des Theologen zu Märchen; sehr anspruchsvolle, tiefe Deutungen Grimmscher Märchen).
Illustratierte Geschichte des Märchens:
Gabriele Seitz: Die Brüder Grimm. Leben, Werk, Zeit. Winkler-Verlag. (Großformatiges Buch mit vielen Bildern, Dokumenten, Stichen und Briefquellen und gutem Kapitel zur Entstehungsgeschicht der Grimmschen Märchen-Sammlungen).
Waltraud und Matthias Woellner: Die illustrierte Geschichte des Märchens. Edition Leipzig. (Tolle illustrierte Geschichte des Märchen-Erzählen durch viele Zeiten und Kulturen).
Das Mann-Frau-Thema
Clarissa Pinkola-Estes: Die Wolfsfrau. Die Kraft weiblicher Urinstinkte. Heyne-Verlag (Der Populär-Klassiker zum Thema Weiblichkeit anhand von Märchen und Mythen aus aller Welt).
Robert Bly: Der Eisenhans. Heyne-Verlag. (Der Populär-Klassiker zum Thema Mann und Männlichkeit gespiegelt am Grimmschen Märchen Eisenhans).
Hans Jellouschek: Der Froschkönig. (Höchst spannende tiefenpsychologische Studie zum Froschkönig, aus Partnerschafts- und Beziehungsperspektive).
Maja Storch: Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann. Goldmann-Verlag. (Anhand von Märchen geht die Autorin der Frage nach, warum die 'Power-Frau' von heute, so oft an den 'falschen' Mann gerät).
Märchen und Heilung im praktischen Kontext:
Anita Johnson: Die Frau, die im Mondlicht aß. Knaur-Verlag. (Eine Buch der Jugend- und Psychotherapeutin, die erfolgreich Ess-Störungen anhand uralter Mythen und Märchen heilt).
Helge M. Schramm. Märchen und Heilmittel. (Auf Rudolf Steiner basierende Interpretationen Grimmscher Märchen anhand der vorkommenden Metalle und Planeten).